Weißt du… Jeder Abschied fällt schwer. Ob es der Schnuller war als Baby oder das geliebte Kuscheltier als kleines Kind, ob von einer geliebten Fernsehsendung oder eben von Familienmitgliedern.
Es ist okay, wenn man weinen muss. Damit zeigt man nur, dass man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Auch ist es okay, wenn man das alleine in seinem Zimmer machen will.
Auch für mich ist es ein beträchtlicher Verlust, doch für dich wird es schon sehr bald ein großer Gewinn sein. Selbst wenn du es mir jetzt noch nicht glaubst. Du lernst so, schon früh loszulassen. Es ist richtig. Du wirst ja auch nicht alleine gelassen! Das Leben geht doch weiter. Die Welt hat noch so viel Neues zu bieten für dich. Du kennst längst noch nicht alles und darum ist der heutige Tag ein ganz besonderer Moment. Ein weiterer großer Schritt in Richtung Eigenständigkeit. Doch um eigenständig handeln zu können, muss man auch lernen sich von seiner gewohnten und beschützten Umgebung losmachen zu können. Dazu zählen auch die lieben Verwandten.
Doch du weißt, es ist kein ewiger Abschied. Es ist keiner gestorben. Du ziehst nur aus bei uns! Die Welt geht vielleicht eines Tages zugrunde, aber nicht weil du heute ausziehst.
Ich habe dir schon oft gesagt, dass du positiv denken sollst: Endlich bekommst du dein eigenes kleines Reich! Und man kann dich doch auch weiterhin besuchen kommen. Also besteht nun wirklich kein Grund zum Schluchzen. Du bist doch schon groß und ziemlich reif für dein Alter, dachte ich. Du wirst schnell neue Leute kennenlernen, einige wirst du nie wieder sehen, andere bleiben Bekannte oder werden zu deinen Freunden und Freundinnen. Egal, ob mit oder ohne Hilfe deiner Verwandtschaft.
Du kannst nicht jeden Tag 10 Stunden mit der Bahn fahren und dann noch acht Stunden lang aufpassen; und das fünf Mal die Woche! Sechs Stunden am Tag schlafen ist einfach zu wenig selbst für dich und die Chancen, dass die Bahn dich jedes Jahr und jedes Mal ohne Verspätung oder Probleme an dein Ziel bringt, ist auch sehr gering. Da ist ein Wohnheim schon eine nette Sache.
Nein, es ist keines dieser TV-Internate! Dort werden nicht Kinder abgeschoben, die man nicht mehr haben will. Es ist ein Jugendwohnheim, mit vielen Gleichaltrigen, die im Kopf noch genauso viel Blödsinn haben wie du.
Aber du sollst wissen, dass wir immer für dich da sind. Wir werden dich in der ersten Zeit unterstützen so gut es geht. Das siehst du ja heute schon. Du bist zwar nicht um die Ecke, aber auch nicht am Ende der Welt und Telefone und Internet gibt es ja auch überall.
So schlimm wird es schon nicht werden. Ich denke, wir haben dich in all den Jahren gut auf das eigenständige Wohnen und Leben vorbereitet. Wir haben dich für eine lange Zeit auf deiner Reise begleitet, doch den weiteren Weg musst du nun alleine oder zumindest ohne uns gehen. Du musst deine eigenen Erfahrungen sammeln, gute wie auch schlechte. Das geht nicht, wenn du weiter im Hotel Mama oder wohlbehütet bei deinen Verwandten bleibst. Es ist Zeit. Du bist wie gesagt alt genug.
Und nun komm wieder raus und hilf den anderen beim Kisten verladen. Nimm deine sieben Sachen, mach eine Fliege ins Poesiealbum deiner Freunde und zieh Leine – um Leine um die Wäschesacke zu. Es sind schließlich deine Kisten und deine Freunde und sie unterstützen dich schließlich nicht, weil sie wollen, dass du endlich wegziehst, sondern weil sie dir als deine Freunde und Verwandten heute helfen können und wollen.
Sie sind genauso traurig wie du, vielleicht sogar noch trauriger, aber sie freuen sich, dich wenigstens heute noch zu sehen und dich feierlich-unterstützend verabschieden zu können. Viele von Ihnen haben sich schon kreativ in deinem Abschiedsgeschenk verewigt. Was es ist und wie sie es gemacht haben, sage ich dir aber nicht, dazu musst du schon selber runterkommen. Vielleicht etwas was dich an diese Stadt erinnert oder etwas Persönliches, was typisch für die Person ist.
Hör auf traurig zu gucken! Wenn alles bereit im Transporter ist, können wir allesamt mit dir noch einmal unsere Stadt anschauen. Mit all deinen Freunden und Verwandten. Vielleicht auf ein leckeres Eis?! – Na also!

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