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Mein erster IKEA-Besuch (2012)

Posted by Jan Ischke on 10. August 2012 in Geschichten |

Es war Samstag, und ich hatte mir vorgenommen, heute im IKEA einzukaufen. Ich war noch nie dort gewesen, und die Resonanz bisher war sehr durch-wachsen: Von »gute Preise« bis »schlechte Qualität« hörte ich alles. So setzte ich mich in den Bus, um mir selber eine Meinung über diesen schwedischen Wohnungsausstatter zu bilden. Nach neunzig Minuten im Stau stand ich vor IKEA.
Ich nahm mir einen der großen Einkaufswagen, ging durch die hohe und breite Drehtür und stand vor einer Treppe. Da mir diverseste Pfeile suggerierten, zuerst mit der oberen Etage zu beginnen, nahm ich notgedrungen den Fahrstuhl nach oben. Den Wagen die gesamte Treppe raufzuziehen war mir nach den ersten beiden Stufen doch zu anstrengend.
Doch schon nach den ersten gegangenen Metern merkte ich, es war anders als erwartet. Ich sah einige nette Möbel, aber nichts zum auf den Wagen Legen. Es war alles aufgebaut, es gab große, skandinavische Namen für alles und kleinere deutsche Preise darunter, aber es gab nichts abgepackt in Kartons zum Mitnehmen. Auch stand nicht alles eng an eng und übereinander aufgereiht, sondern manchmal waren komplette Meter freigelassen, damit man sogar die zimmerweise eingerichteten Räume mit Teppich, Bett, Schrank, Lampen und Deko betreten konnte. Aber diese Dinge wollte und konnte ich doch nicht einfach da wegnehmen?!
So schob ich meinen großen, schweren Wagen kreuz und quer durch und zwischen diese Räume. Dann sah ich die viel praktischeren, gelben Ta-schen. Für ihren Einkauf stand darüber. Ich über-legte kurz und vergaß dann in einem abgeschiedenen Raum meinen großen Wagen, nahm mir lieber eine der gelben Taschen und ging zügigen Schrittes um die nächste Ecke. Mit einer kleinen Nachttischlampe in der Tasche.
Ab und an kam ich an Ständen vorbei, aus denen man wirklich etwas herausnehmen konnte, wie ich es auch von Grabbeltischen kannte. Unter anderem nahm ich mir eine Laptopunterlage und zwei, drei Küchenutensilien mit. Damit war meine erste Tasche voll. Nun, diese Taschen lagen ja an jeder Ecke herum. Genauso wie die Zettel und Bleistifte, die sich einige Leute nahmen und was draufschrieben. Meine ganz eigene Einkaufsliste hatte ich schon zu Hause erstellt. Aber den Service fand ich gut. Ich schaute mir das interessiert an und kam zu folgendem Schluss: Die großen Sachen zum Zusammenbauen mussten alle an der Kasse liegen. Man überreichte der Kassiererin einfach den Zettel und das Geld, und sie gab dann die Kartons heraus. So langsam verstand ich, dass Service hier großgeschrieben wurde. Warum hatte mir das noch nie jemand erzählt?
Ich ging erst einmal weiter. Nach weiteren fünf-zehn Minuten hatte ich schon die zweite Tasche voll: Ich hatte mich unter anderem noch für ein Kissen, einen Pizzaschneider und die Thermoskanne entschieden.
Jetzt stand ich vor einem Restaurant. Ob es hier den berühmten Hotdog gab, von dem man mir schon erzählt hatte? Nein, nur Deftigeres! Das Essen sah zwar ganz okay aus, aber ich wollte erst fertig einkaufen.
Dann war ich vermutlich endlich durch. Also mit der ersten Etage. Das Erdgeschoss musste ja total voll sein mit den Kassen und den Kartons.
Aber weit gefehlt! Ich ging die Treppe hinunter und befand mich in einer riesigen Halle, die vollge-stellt war mit Regalen, Tischen und Ständen. Also eigentlich alles außer den großen Möbeln. Ja, es erinnerte mich an eine Mischung aus Flohmarkt und den bekannten Ein-Euro-Märkten, wo jeder Artikel nur einen Euro kostet. Nur hier waren die Preise nicht so konstant. Cent-Ware stand neben Gerätschaften, die zwei- bis dreistellige Euroangaben auswiesen.
Vieles, das sich schon in meinen neuen, gelben Taschen befand, entdeckte ich hier wieder. Ich hatte mittlerweile meine dritte Tasche gefüllt, als ich durch die Abteilungen Küche, Bad, Licht und Teppiche geschritten war. Diese Hallen waren demzufolge in Abteilungen untergliedert, und nun lagen laut einem ausgehängten Plan noch die Deko- und die Pflanzenabteilung vor mir und den Kassen.
Fast eine gesamte Stunde schlenderte ich durch den Bilderbereich. Wunderschöne Bilder standen da: große und kleine, dicke und dünne, mit und ohne Rahmen. Jedes zweite hätte ich gerne mitgenommen, aber nur jedes fünfte hätte überhaupt in meine Innenausstattung gepasst. Ich entschied mich letzten Endes für die nötigsten: drei Küchenbilder, zwei Flurbilder, ein Bild für das Wohnzimmer und zwei Bilder für das Schlafzimmer. Alle waren mehr oder weniger klein, sodass ich sie auch noch transportieren konnte. Aber diese riesigen, fast zweimal zwei Meter großen Bilder waren schon ein Augenschmaus, aber nichts für mein Portemonnaie.
Durch die Pflanzenabteilung ging es dann recht zügig: Ich fand einen Drachenbaum, suchte mir dazu dann noch den passenden Übertopf raus und war fertig. Jetzt kamen nur noch eingepackte, graue Kartons, aufgeschichtet wie in einem Lager …
Moment … Kartons? Die hatte ich doch seit mei-ner Ankunft gesucht. Hier befanden die sich also. Aber nun kommt es: Die Besucher bedienten sich selber! Sie schauten auf ihre Zettelchen, sahen darauf wohl, wo alles stand, und zogen sich ihre Kartons selber raus. Verrückt! Wenn da mal nicht etwas passierte! Man liest ja jeden Tag von herunterfallenden Kartons oder Weihnachtsbäumen, vor allem in IKEA-Katalogen.
Nachdem ich nun meinen gesamten Einkauf dank der unzähligen, schönen, gelben Tüten bis an die Kasse gezogen hatte, erfuhr ich dort, dass ich die ganze Ware aufs Band legen und meine gelben Tüten dort abgeben sollte. Wie abgeben? Die brauchte ich doch noch für meinen Transport nach Hause. Man verwies mich auf die BLAUEN Taschen, die abgesehen davon, dass sie eine andere Farbe besaßen und FRAKTA hießen (vermutlich in Anlehnung an Fraktur und Praktisch) auch noch zum Verkauf angeboten wurden. Ich legte gerade fünf, sechs, zehn dieser fraktischen Taschen aufs Band, als ich von der Seite meinen Namen hörte.
»Stefan, Kollege, du hier?!«
Verwundert sah ich mich um und erkannte an der Kasse neben mir meine Mitarbeiterin Klaudia neben ihrem Mann stehen und lächeln.
»Hallo, Klaudia! Ja, ich brauche doch noch diver-seste Kleinigkeiten für meine Wohnung.«
»Im IKEA findet man einfach alles, oder? Mein Mann und ich wollten nur einen Spiegel und einen Teppich kaufen. Aber da wir mit IKEA ja schon Erfahrungen gemacht haben, sind wir sicherheitshalber gleich mit dem Transporter gekommen. Du siehst ja: Es hat sich schon gelohnt. Wir haben dann doch noch einige Sachen mehr gekauft. Bist du auch mit dem Auto hier?«
»Nein, ich besitze doch kein Auto. Werde wieder mit dem Bus zurückfahren.«
Meine Waren waren mittlerweile alle an der Kasse eingelesen, und die Kassiererin, die eine Schlange vermeiden wollte, räusperte sich ungeduldig.
Ich zog langsam meine Geldkarte heraus und übergab sie der Kassiererin, als mir ein Gedanke kam.
»Du, sag mal, Klaudia, ihr wohnt doch in meiner Nähe … Hättet ihr was dagegen, wenn mein Einkauf und ich bei euch mitfahren?! Dann könnte ich meine Sachen auch bei euch in den noch ziemlich leeren dritten Einkaufswagen legen.« Meine Trumpfkarte zog ich als Letztes heraus: »Den würde ich auch schieben.«
Klaudia bemerkte natürlich sofort, worauf ich hi-nauswollte. Sie schaute ihren Mann an, doch der hob die Schultern.
»Ja, klar kannst du bei uns mitkommen! Hast dich wohl etwas verschätzt beim Einkaufen?!« Mit diesen Worten schob sie ihren dritten, nun leeren Einkaufswagen schon mal an meine Kasse.
Ich sagte der Kassiererin, dass ich die Taschen doch nicht mehr brauchte. Sie stornierte diese, und ich bezahlte einige Euros weniger. Die Sachen stapelte ich den Einkaufswagen.
Nun geht man zum IKEA ja nicht nur wegen des Einkaufens von Wohnungseinrichtungen, sondern es wurde in meinem Bekanntenkreis immer häufiger davon berichtet, wie lecker der Hotdog im IKEA sei. Um auch endlich mitreden zu können, lud ich meine Kollegin, ihren Mann und mich auf jeweils einen dieser Hotdogs ein.
Nun ist es bei IKEA nicht so wie an jedem ande-ren Hotdogstand: Man geht hin, bezahlt und be-kommt seinen Hotdog. Nein, hier ist alles ein biss-chen anders.
Ich stellte mich an der Hotdogkasse an, bestellte für uns Hotdogs und bezahlte. So weit, so gut. Als Gegenleistung erhielt ich allerdings einen leeren Becher.
Einen leeren Becher?
Fragend schaute ich die Verkäuferin an, woraufhin sie meinte, es gäbe ein Gratisgetränk noch dazu. Etwas verwundert ging ich weiter.
»Moment, Moment, junger Mann!«, rief mir eine weitere Verkäuferin zu. »Sie haben doch gerade Hotdogs bestellt, oder nicht?«
Ich bejahte ihre Frage und ging zu ihr; vielleicht konnte sie mir helfen, Nahrungsmittel aufzutreiben. Meinen Gedanken hatte ich noch gar nicht leise ausgedacht, da wurden mir auch schon Hotdogbröt-chen mit Hotdogwürstchen darin überreicht.
»Hier, das könnten Sie gebrauchen für Ihre Hot-dogs.« Sie zwinkerte mir zu und beschäftigte sich dann mit dem nächsten Käufer.
Ein seltsamer Hotdog, dachte ich mir, da hätte ich auch gleich ein Paar Wiener bestellen können, da hätte ich dann wenigstens zwei Würstchen gehabt. Nicht mal Ketchup gab’s dazu.
Ich verließ den Kassenbereich und wollte gerade zu Klaudia gehen, da blieb ich abrupt stehen, sodass fast jemand in mich hineingelaufen wäre. Konnte das sein? Ich schaute noch einmal zur Seite. Ohne Zweifel, tatsächlich, hier stand mitten im Weg ein Getränkeautomat, und ich hatte einen leeren Becher in der Hand. Wie passend!
Ich füllte mir fast heimlich mein Erfrischungsge-tränk nach Wahl in den leeren Becher und drängte mich durch die Massen. Meinen mittlerweile halb vollen Pappbecher stellte ich als Erstes ab, als ich bei meiner Kollegin ankam.
»Gar nicht so einfach, hier durchzukommen, oder?«, fragte sie schmunzelnd. »Aber warum hast du dir noch nichts auf die Hotdogs gemacht?«
Dabei deutete sie mit dem Kopf in eine Richtung, in der noch ein paar Leute mehr standen, als sich sowieso schon im überfüllten Essensbereich aufhiel-ten. Bei genauerem Hinsehen machten sie sich dort Röstzwiebeln, Gurken und Saucen auf ihre Hotdogs.
»Ich wollte nur mein Getränk hier abstellen, weil es nicht so einfach ist, mit vollen Händen seinen Hotdog zu belegen«, antwortete ich ausweichend.
Noch immer etwas grinsend über diese geniale Ausrede stellte ich mich an der Hotdog-Station an. Nachdem die Würstchen fünf Minuten später or-dentlich mit Gurken, Röstzwiebeln und Saucen zugedeckt waren, ging ich vorsichtig und endlich im Besitz vollständiger Hotdogs wieder zurück in den Essensbereich.
Beim Essen fiel mir die Hälfte der Zutaten runter, aber das war nicht weiter schlimm. Auf jedem Tisch (und auch unter jedem Tisch) befanden sich Unmengen dieser Hotdog-Zutaten. So fiel mein Essverhalten dann auch nicht aus der Reihe.
Aber um das noch einmal festzuhalten: DEN EI-NEN Hotdog gibt es im IKEA nicht!
Als mich der Durst packte und ich mir beinahe noch ein Getränk gekauft hätte, meinte Klaudia wieder nur schmunzelnd: »Du hast doch einen Becher. Warum willst du dir einen zweiten holen? Füll dir deinen doch einfach wieder auf!«
Eine bestechende Logik. So tat ich es dann auch. Heimlich versteht sich.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Wir schoben unsere Wagen zum Transporter, der auf einem Familienparkplatz stand. Aber das war nun egal, da wir ja nun mit mir – als die dritte, jüngere Person – eine kleine Familie darstellten.
Mein Einkauf passte gerade so noch in den Transporter rein, und ich fuhr mit den anderen vom Parkplatz. Den Transporter konnte man nun neumodisch als tiefergelegt bezeichnen. So hatte jeder etwas von der Mitfahrgelegenheit.
An meiner Wohnung stellten wir den Einkauf zusammen ab, ich verabschiedete mich und wünschte noch ein schönes Wochenende.
So gut es ging, stapelte ich den Einkauf überei-nander und trug alles hoch. Trotzdem musste ich viermal gehen.

(2012)

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