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Lebensfreude durch Schmerz (2007)

Posted by Jan Ischke on 10. August 2007 in Geschichten |

Meine folgende kleine Geschichte handelt nicht nur unbedingt von jungen Menschen, Menschen, die vielleicht geistig gestört sind oder Menschen, die einfach nur an Langeweile leiden. Nein, meine Geschichte soll jeden ansprechen und zum Überlegen anregen, ob man nicht vielleicht auch insgeheim so denken und handeln würde. Denn sie könnte jedem in der einen oder anderen Form passieren.
Es handelt sich hier wahrscheinlich um ein gesellschaftliches soziales Problem, welches ich zwar nicht wirklich erklären kann aber von dem ich euch hier in Form von Paul einmal erzählen will. Dabei will ich nicht urteilen, sondern nur berichten:
Paul ist noch jung, etwa 25 Jahre und hat in seinem Leben schon fast alles erreicht. Er hat einen gut bezahlten Job und eine fertig eingerichtete Wohnung, bestehend aus IKEA-Möbeln und eine bezaubernde Verlobte. Doch es fehlt ihm irgendetwas in seinem Dasein aber er weiß nicht, was es ist. Er sucht Erfüllung in einigen Aktivitäten, wie Golf oder Schach spielen, doch es bringt keine Besserung: Im Gegenteil. Er fängt an immer unzufriedener mit seinem Leben zu werden: Er beginnt herumzubrüllen bei jeder Kleinigkeit, die ihm nicht gefällt und nicht mal sein alltägliches Fernsehprogramm kann ihn aufheitern. Man kann sagen er steckt in einer Sinneskrise.
Eines Tages, Paul war mal wieder mit sich und seinem Leben unzufrieden, verliert er durch Unachtsamkeit seine Wohnung und damit sein ganzes Hab und Gut. Eine Gasexplosion zerstörte alles; nur sein Leben und das seiner Verlobten nicht. Sein wunderschönes Geschirr, seine bequemen Möbel und seine antiken Vasen, alles war weg. Es war zwar einiges versichert, doch bis die Versicherung alles geprüft und bezahlt hat dauert es ja auch seine Zeit.
In dieser Zeit – ohne Kostbarkeiten und viel Geld – passieren zweierlei Sachen in Pauls Leben: zum einen verlässt ihn seine Verlobte und zum zweiten merkt Paul zunehmend, das er sein ganzes Leben lang nur ein Konsument der Wirtschaft war. Er kommt zu dem Schluss, dass die Menschen ohne einen eigentlichen Sinn auf Erden sind und auch überhaupt kein richtiges Ziel haben: Man hat Jobs, die einem nicht gefallen nur damit man Geld bekommt, womit man sich dann Sachen kaufen kann, die man nicht braucht, nur weil man sie in der Werbung gesehen hat, nachdem man erschöpft von der Arbeit kam.
Paul beschließt einen Neuanfang zu wagen. Doch wie soll das gehen? Bald würde er sein Geld wieder bekommen und wieder anfangen zu kaufen und wieder ein Konsument werden.
In dieser Sinneskrise fängt er an sich mit anderen zu schlagen. Erst nur mit Betrunkenen, die ihm sagten, das er froh sein soll über das was er hat, dann mit anderen Leuten, denen es so ähnlich geht wie ihm und sich nur prügeln um überhaupt noch etwas zu fühlen. Und er findet gefallen daran. Ihm fällt ein, dass er schon immer einen Sandsack haben wollte, auf den er eindröschen konnte, er sich aber wegen Platz- und Geldmangels immer wieder anders entschied.
Plötzlich ist er wieder jemand, der weiß, dass er lebt. Er testet in kleinen Kämpfen aus, wie viel Kraft und Stärke noch in ihm stecken, doch es ist für ihn nicht wichtig, ob er einen Kampf gewinnt oder verliert. Natürlich ist es besser dem Gegner seine Aggressionen spüren zu lassen und nicht immer nur einzustecken. Aber wichtig ist es nicht. Es ist nur entscheidend, dass der Schmerz und das Adrenalin ihn von der Wut und dem Ärger über den Alltag befreien. Paul weiß, dass nach dem Kampf seine Probleme nicht gelöst sind aber sie sind durch den Schmerz für eine unbestimmte Zeit bedeutungslos geworden. Aber es ist nicht nur der Schmerz, der ihn glücklich macht; es ist der immer höher steigende Adrenalinspiegel während des Kämpfens und auch der Kick den anderen zu verprügeln, wenn er schwächer ist. Etwas Schönes zu verunstalten. Natürlich will Paul niemanden töten, dazu ist er viel zu friedfertig. Aber es ist etwas wunderbares einfach einmal loszulassen und aufzuhören alles zu kontrollieren. Es einfach kommen lassen. Man ist frei, wenn man sich gehen lässt! Im Angesicht der Gewalt und der Schmerzen erfreut man sich stärker am Leben als jemals zuvor. Man ist nicht gebunden an irgendwelche gesellschaftlichen Regeln oder Normen. Man ist für sich innerlich frei
Früher lebte Paul für Selbstverbesserung, nun praktiziert er, wie er es nennt, Selbstzerstörung. Er lebt nun in einer Bruchbude ohne bestimmtes Eigentum, duscht einmal in der Woche und ist trotzdem glücklich. Er hat seinen Job zwar verloren, doch da er sich nun kaum noch etwas kaufen muss, braucht er auch kein Gehalt. Das Geld von der Versicherung hat er größtenteils sogar gespendet.
Das Letzte, was ich von ihm hörte, bevor er starb, war:
Wir müssen erst alles verlieren, damit wir wirklich frei sind!

(2007)

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