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Der erste warme Tag (2011)

Posted by Jan Ischke on 10. August 2011 in Geschichten |

Heute war der erste wirklich warme Tag des Jah-res: Sechsundzwanzig Grad und Sonnenschein pur und es war noch nicht einmal Mittag! Das rief geradezu nach einem Ausflug in die Natur. Also wurde schnell das Fahrrad geschnappt und in die Stadt geradelt. Ein Genuss, wie der kühle Wind einem um die Nase wehte.
Auf dem Weg in die Innenstadt fiel mir wieder ein, wieso ich regelmäßig Sport trieb. Nicht für mich und meinen Körper, nein, so selbstverliebt bin ich nicht, und auch nicht für meine Gesundheit, ich bin schließlich gesund. Ich halte mein schönes Äußeres viel eher für die weibliche und seit einigen Tagen bereits busen- und beinbetonte Bevölkerung in Schuss, welche nicht nur viel Haut zeigt, sondern auch noch gut dabei aussieht.
So konnte ich heute einige Shorts bei Frauen (bei Gott nicht bei jeder!) schon mal als augenfreundli-che Minis bezeichnen, da sie bereits endeten, bevor die Beine überhaupt begannen. Es waren quasi Gürtel.
Vor mir radelte so eine Frau. Zwar war es keine Gürtelhose, doch der Anblick ihrer Hose, unter der ihr wohlgeformter Hintern Konturen zeigte und dessen Pobacken im rhythmischen Wechsel mal links und mal rechts belastet wurden, brachten mich beinahe dazu, in ihr Fahrrad zu fahren. Gott sei Dank hielt mich eine Baustelle auf.
Sie kam aus dem Nichts! Irgendwie schaffte ich es auch hindurchzuradeln, ohne mich oder mein Rad zu beschädigen. Die Baustelle allerdings war nun eine Baustellenbaustelle, und die Frau mit dem Traumhinterteil war fort. Ich träumte ihr noch ein wenig hinterher, bis ich dann in der Stadt ankam.
Ich schloss also mein Rad an einen der wenigen freien Ständer, ging zum nächsten Eisladen und leistete mir eine kleine, erfrischende Abkühlung. Ein schönes, leckeres Erdbeereis war jetzt genau das Richtige für mich.
Da ich schon einmal in der Stadt war, flanierte ich ein wenig durch die Gegend und schaute mal durch dieses und mal durch jenes Schaufenster, während ich mein Eis genüsslich aufschleckte.
Als ich mal wieder ein paar schönen Frauenbeinen hinterherschielte, fiel es mir plötzlich, wie eine Oase für den Wüstling, auf: Ich selber hatte ja noch gar keine kurze Hose für die kommenden heißen Tage!
Bisher hatte ich immer ohne zu schwitzen meine langen Hosen benutzen können, und wurde es doch einmal wärmer darin – trotz zahlreicher kleinerer gewollter und ungewollter Luftlöcher – konnte ich sie hochkrempeln. Doch mit den steigenden Tempe-raturen stieg auch die Dringlichkeit meiner Beinfreiheit. Eine haarige Angelegenheit. Ich brauchte unbedingt kurze Shorts! Schon heute waren meine langen Hosen zu warm, obwohl es erst der erste warme Tag des Jahres war. Das war ein Omen.
Nach belanglosen drei Stunden trat ich erfolgreich aus einem Geschäft der Einkaufsmeile: Nicht nur zwei kurze Shorts – Ist das eigentlich doppelt gemoppelt: kurze Shorts? –, sondern auch ein Hawaiihemd wurde mir dank meiner kleinen Karte und einer kurzen, digitalen Datenübertragung ausgehändigt. Ein Wunder der modernen Technik!
Aber nun stand die Sonne so hoch, dass sie genau in meine Augen strahlte … Und ich hatte mich auch noch ohne Sonnenbrille aus dem Haus begeben! Ein Kuriosum, dass ich nicht nackt losgefahren war. Sicher, ich konnte meine ohnehin ziellose Richtung durch die Stadt wechseln, aber ich entschied mich dann doch für etwas Besseres: Ich ging fix zum nächsten Souvenirladen und kaufte mir eine schwarze Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern der Größe XXL ein. Ha! Nun sollte die Sonne mal versuchen, mich zu blenden.
So perfekt ausgerüstet spazierte ich zu dem ganz in der Nähe liegenden, kleinen See. Dieser brachte schon seit Jahren die attraktiven Dämlichkeiten dazu, sich auszuziehen, und übt noch heute gerade deswe-gen eine starke Anziehungskraft auf viele nicht ganz so attraktive Herrlichkeiten aus.
Da ich mich nicht aufs frisch gemähte, grüne Gras setzen wollte, holte ich meine lange Hose aus meinem Rucksack und legte sie wie ein Handtuch auf den Boden. Ich schaute mich um. Versteckt hinter meiner Sonnenbrille versuchte ich, so einige wohlgeformte weibliche Wölbungen zu finden.
Vergebens. Ich sah kleine Kinder, die ihr Ge-schäftchen unbekümmert in den Sand machten, und Hunde sowie Enten, die es ihnen gleichtaten. Die stolzen Eltern freuten sich darüber, was ihr Nach-wuchs schon alles alleine kann; ich nicht. Wenn ich das tun würde, gäbe es sicher wieder einen lauten Aufschrei und eine Verordnungsstrafe von der Stadt. Seitdem mache ich so etwas nur noch versteckt im Wasser.
Ein Jammer, dass das Wasser noch so kalt war und die meisten Leute lieber angezogen blieben. So blieb mir nur das Baggern. Es war halt ein Bade- und Baggersee. Doch es gab nicht viel zum Baggern: Hier ein Pärchen, das am Strand mit selbstgemachten Schokoladenkuchen picknickte. Sie schmissen die Hälfte in den Mülleimer, weil es wohl zu sehr an einen in der Nähe liegenden Hundehaufen erinnerte. Dort ein einsamer Typ auf einer Mickey-Mouse-Decke, der mehr Falten als ein Mops und mehr Körperhaare als ein Löwe hatte. Und ganz weit hinten konnte ich endlich eine bildhübsche, junge Frau durch mein Fernglas erkennen … ein Jammer für sie, dass ich so faul war und lieber liegen blieb.
Eine Stunde und wenige Baggerversuche später wollte ich wieder losziehen, doch da sah ich meine Freundin Mosine.
Sie saß, wie ich, alleine herum und genoss die Sonne. Ich begrüßte sie und setzte mich zu ihr. Nach einem kurzen Schnack fragte sie mich, ob wir nicht unsere Füße ins Wasser halten wollten. Klar, erwiderte ich. Für alle Fälle zog ich Socken und Hose aus und ging mit Mosine ans Wasser.
Schritt für Schritt ging es tiefer.
Dann machte ich einen großen Schritt nach vor-ne. »Los, wer sich am weitesten reintraut!«
Zentimeter für Zentimeter ging es weiter ins eis-kalte Nass. Das Wasser stand uns schon bis zu den Schenkeln, als Mosine meinte, ich solle kurz warten. Toll, mir froren die Beine ab, und sie ging raus ans Land. Das ist Frauentaktik.
Doch sie zog sich ihren Mini und ihr Tank-Top aus und lief wieder zu mir. An mir vorbei und lag plötzlich im Wasser. Auf einmal war mir nicht mehr kalt, ich schmiss mein Shirt einfach ans Ufer und sprang zu Mosine.
Andere Besucher schauten nur verblüfft oder schüttelten den Kopf. Wir aber hatten unseren Spaß, spielten fangen und tollten einfach herum. Dann hob ich sie hoch. Im Wasser war sie noch leichter als normal. Ich wollte die bekannte Wasserszene aus Dirty Dancing nachspielen, aber Mosine meinte nur, ich solle sie runterlassen. Zu Befehl!, dachte ich mir und ließ sie schlagartig ins Wasser plumpsen. Damit hatte sie nicht gerechnet: Sie gluckerte im stehtiefen Wasser kopfunter, und ihre bisher relativ trocken gebliebenen Haare waren nun nass, und sie hatte keine Lust mehr auf Wasser.
Wir gingen an Land und versuchten, unsere blau von Kälte und rot vom Sonnenbrand gefärbte Haut zu trocknen. Zwar waren unsere Körper weder blau noch rot, höchstens grün von klebendem Seetang, aber zumindest kam mir das so vor.
Ich dachte mir, dass muss ich jetzt wiedergutmachen, und als ich einige Enten an uns vorbeiwatscheln sah, wusste ich auch wie.
Da am Abend bei mir eine kleine Grillfeier auf dem Balkon stattfinden sollte, lud ich sie zu mir ein. Sie überlegte kurz, sagte dann aber zu. So verab-schiedeten wir uns doch noch im Guten.
Ich ging zum Bus, der mich nach Hause fahren sollte. Wie der Zufall so spielte, war der Busfahrer ein Bekannter von mir; trotzdem will ich jetzt keinen Namen nennen. Ich setzte mich nach vorne, und wir redeten die Fahrt über miteinander. Ein weiblicher Fahrgast, den wir beide sehr anregend fanden, aber so weit weg saß, dass sie uns nicht hören konnte, war unser Hauptgesprächsthema.
Ich konnte hinter meiner Sonnenbrille unauffällig rüberschielen, aber der Fahrer konnte zu seinem Leidwesen nur wenig von der reizenden Dame durch seinen Innenspiegel erkennen. Da er sich zudem noch nebenbei auf den Straßenverkehr konzentrieren musste, hatte er wenig Zeit, für den zukünftigen Verkehr in seiner Hose zu sorgen; und als er dann vergaß, eine Bushaltestelle anzufahren, ließ er es ganz bleiben.
Vermutlich hatte die Dame dadurch etwas mitbekommen, denn sie stieg zwei Stationen später aus und zeigte dem Fahrer dabei den Mittelfinger. Ich musste mich daraufhin echt zurückhalten, um vor Lachen nicht zu weinen. Der Fahrer (nun weißt du, warum ich keinen Namen genannt habe) wurde daraufhin rot und fuhr schnell weiter, was meinen Lachanfall nicht gerade minderte.
Fröhlich gestimmt verabschiedete ich mich an meiner Zielhaltestelle vom Fahrer. Zur Grillfeier konnte er leider nicht kommen, da seine Schicht noch dauern würde. Vermutlich hoffte er aber auch insgeheim, noch einmal auf die Schönheit zu treffen.
Ich verließ den Bus in Richtung Discounter. Für meine Grillfeier brauchte ich nämlich noch einige Utensilien, die ich mir im Einkaufsladen für alle kleinen und großen Dinge einer Disko unter freiem Himmel besorgen konnte.
Wie ich so durch die Reihen schlenderte, fiel mir eine Mitarbeiterin auf. Sah sie schon immer so gut aus? Hatte sie schon immer solche sexy Sphären unter ihrer Arbeitskleidung? Mit diesen hoch-philosophischen Fragen verfolgte ich sie einige Regale lang und tat so, als ob ich die Sachen, die ich in meinen Einkaufswagen legte, auch wirklich brauchen würde.
Als es zu auffällig wurde und sie misstrauisch fragte, ob sie mir helfen könne, ging ich zur Kasse, um meinen Einkauf zu bezahlen, der dann seltsamerweise doch etwas größer ausfiel als geplant.
Schwer bepackt mit drei Tüten an jeder Seite und einem Rucksack auf dem Rücken ging ich, leicht schwitzend unter dem Einfluss der noch starken Sonnenstrahlung, nach Hause.
Mein neu gekaufter Elektrogrill durfte nun der Wurst und dem Fleisch ordentlich einheizen. Ich besaß zwar schon einen, aber die Verkäuferin von eben hatte mir das letzte »Grillwunder« zum Tiefstpreis versprochen; da konnte ich einfach nicht Nein sagen! Auch Salate standen nun auf dem Bal-kon zur Verfügung. Der Grill wurde mit Strom und nicht mit Steinen angeworfen oder angeschmissen. Schon witzig, manche Wortassoziationen.
Und als der Duft vermutlich langsam, aber intensiv durch die Nachbarschaft strömte, klingelte es auch schon an meiner Tür. Mein erster Gast! Zur Begrüßung gab es einen Begrüßungsschnaps.
Auf dem Grill lagen bereits die ersten fleischigen Formen, als die nächsten beiden Gäste eintrafen. So füllten sich der Balkon und die Wohnung langsam. Und als alle Gäste, auch Mosine, angekommen wa-ren und sich auch befüllen wollten, war das Fleisch … noch immer nicht durch! Selbst die Bratwurst war noch immer mehr weiß als braun! Jedem goss ich daraufhin erst mal einen Schnaps ein. Ich hoffte, die Musik aus den Boxen schaffte es, die stummen Schreie der Augen nach FLEISCH zu beruhigen …
Doch nach fünf Minuten wusste ich: Fehlanzeige! Außer bei Mosine, sie freute sich sehr und schlang den Salat rein, als ob sie gar kein Fleisch wollte. Später erfuhr ich, dass sie seit einigen Wochen Vegetarierin war. Aber erst einmal taten wir es ihr gleich.
So füllten wir unsere Teller voll mit leckeren Sa-laten, und zusätzlich befüllten wir dann den leeren und knurrenden Magen noch mit alkoholischen Getränken, bis wir abgefüllt oder übergeschnapst waren.
Erst nach Stunden gab der Grill das Essen frei zum Verzehr, doch nun waren wir bereits satt und unterhielten uns lautstark bis leise, schwach – je nach erreichtem Alkoholpegel.
Auf die Frage, ob ich denn mein Fahrrad bei so einem schönem Wetter wie heute auch jeden Tag benutzte, fiel mir ein, dass ich ja eigentlich mit dem Fahrrad IN die Stadt, aber mit dem Bus AUS der Stadt gefahren war.
Noch einige warme Tage sollten folgen, aber mein Rad sah ich nie wieder … Es war eh Zeit für ein neues.

(2011)

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